Lagebericht aus dem unruhigen Bischkek
Nils, Donnerstag, 8. April 2010, 07:43
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Als wir am gestrigen Morgen aus dem Bett krochen hätten wir im Leben nicht geglaubt dass der Tag so eine dramatische Wendung nehmen würde. Wir hatten bis dahin nicht einmal von den Unruhen im westlich gelegenen Talas am Vortag gehört, bei denen der Provinzgouverneur als Geisel genommen wurde. Lediglich über die Nicht-Verfügbarkeit des Internets hatten wir uns gewundert (bzw. geärgert) – doch man erzählte uns schließlich dass die Regierung das Netz gekappt hatte um die Kommunikation der Aufständischen zu stören.

Als Reaktion auf die Proteste hatte die Regierung noch am Abend die Köpfe der Oppositionsbewegung festnehmen lassen – ein Schritt der die Eskalation vermutlich eher anheizte. Jedenfalls war am Morgen noch nicht wirklich etwas zu spüren. Das Leben auf den Straßen lief normal ab. Erst als ich gegen Mittag das Haus verließ um mit Maria Mittagessen zu gehen hatte sich das Bild schon etwas geändert. Die vielen Wechselstuben vor dem Haus hatten geschlossen oder boten zum Teil horrende Kurse an, die Banken hatten zugemacht und wurden streng bewacht und die Zahl der Leute auf den Straßen war sehr hoch. Trotzdem war die Situation insgesamt noch recht ruhig. Bei Maria hatte die GTZ inzwischen einige Sicherheitsvorkehrungen getroffen. So mussten sich die Mitarbeiter abmelden wenn sie das Haus verließen und Telefonketten wurden aufgebaut. Es gab erste Gerüchte dass Vermummte auf dem Ala-Too randalieren würden. Wir gingen kurz nach 13 Uhr ganz normal in einem türkischen Imbiss essen. Selbiger war erstaunlich leer, doch hatten wir im gegenüberliegenden Restaurant keinen Platz gefunden und machten uns keine weiteren Gedanken. Auf dem Rückweg ins Büro kurz vor 14 Uhr hatte sich die Situation dann schlagartig verschärft. Aus dem nahegelegenen Zentrum waren Explosionen zu hören – vermutlich Blendgranaten und Tränengaskartuschen. Die Fußwege waren voller eilender Leute und die Straßen quollen über von hupenden Autos. Wir beeilten und also ins Büro zurückzukommen. Das hintere Tor zum Bürogebäude (auch ein Wohnhaus) war bereits geschlossen und der Wächter ließ auch nicht mehr jeden durch den Vordereingang. Im Büro war die Stimmung inzwischen sehr angespannt, wo vorher noch keiner sich ernsthaft Sorgen gemacht hatte. Unser Fahrer meinte noch, die Situation würde doch auf unser Auto keine Auswirkungen haben (gestern endlich war nämlich der Tag x gekommen an dem die Nummernschilder gedruckt werden sollten, aber Pustekuchen). Doch zunächst weiter im Geschehen: Es wurde beschlossen, das Büro sofort zu schließen und alle Leute nach Hause zu ihren Familien zu schicken. Wir konnten die Situation als Außenstehende schwer einschätzen, doch die wachsende Nervosität der lokalen Mitarbeiter galt uns als Indikator dass die ganze Sache ernster werden könnte.

Es wurden kleine Grüppchen gebildet, die in ähnliche Richtungen nach Hause mussten. Aus dem Zentrum klangen nun immer mehr Schüsse herüber. Die Straßen, Busse und Fußwege waren voller als sonst, aber die Zustände waren nicht allzu chaotisch, sodass wir gegen 15:00 sicher in unserer Wohnung ankamen. Auf dem Weg erstanden wir noch beim Bäcker um die Ecke das letzte Weißbrot und versorgten uns mit Eclairs (auf den Schock brauchten wir was Süßes!) und Pizza-Broten. Dann beobachteten wir die Situation von daheim. Nach und nach kamen immer mehr Neuigkeiten herein. Über Internet, Fernsehen, Telefon und Beobachtungen aus dem Fenster versuchten wir so gut es ging einen Lageüberblick zu bekommen, doch es war fast unmöglich die aktuelle Situation wirklich einzuschätzen. Zuhause bemühten wir uns ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Wir kochten einige große Töpfe Wasser ab, sammelten Kerzen und Taschenlampen zusammen und packten eine Notfall-Reisetasche für den Fall dass es plötzlich schnell gehen müsse. Die Unterstützung der Botschaft hielt sich ziemlich in Grenzen. Der Botschafter schien den Berichten aus dem Zentrum zunächst nicht so recht glauben zu wollen. Er wollte sich angeblich selbst ein Bild von der Lage machen. Dabei wurde sein Fahrzeug stark ramponiert und er flüchtete wieder aus dem Zentrum. Aber so intelligent muss man erstmal sein, mit Diplomatenkennzeichen mitten ins Geschehen hineinzufahren.

Auf der Straße vor dem Haus strömten nach und nach immer mehr Männer und Jugendliche ins Zentrum. Viele Aufständische aus anderen Landesteilen erreichten so noch am Abend die Stadt. Hier ein Video einer solchen Truppe, die vor dem Haus vorbei ins Zentrum marschierte:

In Medienberichten war von schweren Straßenschlachten die Rede. Am Nachmittag wurde von der Regierung der landesweite Notstand ausgerufen und schließlich eine Ausgangssperre von 22-6 Uhr verhängt. Die Zahl der gemeldeten Toten stieg von 4 am Nachmittag auf über 100 in der Nacht. Zunächst gelang es den Aufständischen das Parlament und den Präsidentenpalast zu stürmen. Dann folgten weitere Regierungsgebäude, viele wurden dabei in Brand gesteckt. Das Gebäude der Staatsanwaltschaft ist komplett abgebrannt.

Gegen 22 Uhr wurde dann von der Opposition eine Übergangsregierung gebildet („Regierung des öffentlichen Vertrauens“). Neue Staatschefin ist demnach Rosa Otunbayeva, die frühere Außenministerin. Der Premierminister und sein Kabinett sind daraufhin zurückgetreten. Wo sich Präsident Bakiev aufhält ist ungewiss. Manche Gerüchte sagen er habe sich ins Ausland abgesetzt (Kasachstan, Deutschland, USA), andere (glaubwürdigere) sagen, er habe sich in seine Stammregion Osh im Süden Kirgisistans zurückgezogen um dort seine Anhänger zu versammeln. Wie sich die gesamte Situation weiterentwickelt ist daher noch unklar. Für den Fall dass sich die Situation wieder zuspitzt, verhandelt die deutsche Botschaft wohl aktuell mit Kasachstan über eine mögliche Evakuierung in das Nachbarland, das seine Grenzen zu Kirgisistan noch in der Nacht angesichts des Flüchtlingsstromes dichtgemacht hat.

Aktuell ist es aber hier eher ruhig. Die Übergangsregierung hat für 11 Uhr eine Pressekonferenz angekündigt. Auf den Straßen fahren Autos, Frauen und Kinder sind wieder unterwegs, die Straßenreinigung fährt und auch Busse und Sammeltaxis fahren relativ normal. Auch aus dem Zentrum wird gemeldet dass die Situation ruhig ist. Allerdings gab es in der Nacht viele Plünderungen. Alle großen Supermärkte und Shoppingcenter sind ausgeräumt und zum Teil abgebrannt. Aber über die Außen-Märkte scheint auch eine gewisse Versorgung mit Lebensmitteln gewährleistet.

Insgesamt scheint damit die Revolution erfolgreich verlaufen zu sein – je nachdem wie sich die Situation um den Präsidenten weiter entwickelt. Nationale und Freunde die bereits vor fünf Jahren die Tulpenrevolution erlebt haben sagen, dass die aktuellen Ereignisse wesentlich dramatischer und vor Allem diesmal blutig sind. Politisch lässt sich die Situation schwer bewerten. Sicherlich ist es für das Volk eine gewisse Chance die grassierende Korruption zu bekämpfen, obwohl da viel Arbeit vor den Leuten liegt. Die Aggressionen (die sich fast ausschließlich gegen den Präsidenten als Person und seinen Clan richten) und Unruhen sind ja über die letzten Jahre gewachsen, vor Allem aber seit seiner offensichtlich manipulierten Wiederwahl im letzten Sommer. Trotzdem war es sehr überraschend dass die Situation so schnell eskaliert ist. Manche Medien schreiben dass sich das Ganze schon seit mehreren Wochen angedeutet hat – aber diese Beschreibungen sind unserer Meinung nach nicht zutreffend. Eine generelle Spannung war spürbar – besonders seit die Regierung die Preise für Gas und Strom zu Jahresbeginn verdoppelt hat – aber mit so einer Eruption hat niemand gerechnet. Die Übergangsregierung hat angekündigt die Regierungsgeschäfte zunächst für ein halbes Jahr zu übernehmen. Die nächsten Schritte seien die Ausarbeitung einer neuen Verfassung und die Vorbereitung von Wahlen. Vor allem sollen die sehr umfangreichen Befugnisse des Präsidenten beschnitten werden, der quasi alle Fäden militärisch wie politisch in der Hand hielt.

Gute Berichte zu den Vorgängen gibt es hier:

http://www.focus.de/politik/ausland/kirgistan-opposition-ruft-volksregierung-aus_aid_496666.html

http://www.welt.de/die-welt/politik/article7092523/Umsturz-in-Kirgistan.html

Einige Bilder zu den Plünderungen und er Situation in der Stadt:

http://www.boston.com/bigpicture/2010/04/crisis_in_kyrgyzstan.html

http://kg.akipress.org/news:189271


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