Teil des Seminars für mit-ausreisende Partner in der letzten Woche war auch eine Sensibilisierung für den Kulturschock. Der Kulturschock bezieht sich dabei auf eine Phase nach der anfänglichen Euphorie im Ausland, in der eine Aneinanderreihung negativer Erlebnisse oder Erfahrungen für das teils sehr heftige Absinken des Stimmungsbaronmeters sorgt. Kleinere Schwierigkeiten wie einfache Probleme bei Behördengängen oder Frustration beim Einkauf weiten sich dann zu persönlichen Krisen aus. Physische Symptome wie Kopfschmerzen, Durchfall und Magenbeschwerden, aber auch psychische Symptome wie Schlaflosigkeit, Depressionen und Heimweh gelten dabei als Symptome für das Stimmungstief des Kulturschocks. Wenn ich vergangene Auslandsaufenthalte reflektiere – hptsl. die zwei halben Jahre in den USA und Russland (aber auch die Übersiedlung nach Stuttgart in etwas abgeminderter Form) – lässt sich das typische Kulturschockmuster rückblickend sehr klar erkennen.
Im Umgang mit dem Phänomen Kulturschock – das natürlich in Bischkek auch nicht ausbleiben wird – gibt es verschiedenen Ansatzpunkte und Tipps, um das Krisental gut durchzustehen und schnell zu passieren. Mit Bezug auf das MAP-Seminar und das Buch “Mit dem Partner ins Ausland” hier die aus meiner Sicht hilfreichsten Denkanstöße:
- Eigene Kultur nicht als Korsett (oder Gefängnis) begreifen – nur weil uns gewissen Denk- und Handlungsabläufe als selbstverständlich erscheinen sind diese nicht “richtig” oder “richtiger” sondern lediglich “anders” – Neugier und Wissensdurst sind da angebrachter und hilfreicher als ständige wertebelastete besser/schlechter-Abwägungen
- Informationen über das Land sind extrem wichtig – inkl. Historie, Religion, Gesellschaft etc. – Gesetze und Regeln des Systems wird man nicht ändern können, aber ihren Hintergrund zu verstehen hilft, mit ihnen klarzukommen
Sprache lernen! Sprachkomplikationen sind ganz oft Auslöser für die angesprochenen kleineren Schwierigkeiten. Außerdem können ungewöhnliche Verhaltensweisen mithilfe der Sprache aufgelöst werden
- Freizeit nicht nur mit Deutschen verbringen – in der deutschen Wagenburg neigt man (auch daheim in D…) sehr schnell zu Zynismus und Meckerrunden, die schnell zu Stereotypen und oft gar Rassisimus umschlagen. Witze über das Gastland und seine Menschen sind tabu! (jemand meinte explizit man sollte zu solchen Witzen tendierende Leute meiden…)
- Aktiv bleiben! Land und Leute kennenlernen, herumreisen – Je mehr man zuhause sitzt und sich bemitleidet, je tiefer gerät man in das Kulturschock-Tal!
Eine gute Empfehlung finde ich im Übrigen die Erstellung einer Liste mit positiven Eigenschaften des Gastlandes, die sich im Laufe des Aufenthaltes immer weiter füllt.
Seit Mittwoch nehme ich an einem sehr interessanten Seminar für mit-ausreisende Partner (MAPs) teil, welches Partnern von im Entwicklungshilfeumfeld ins Ausland entsandten Personen der GTZ, DED, CIM oder DAAD auf die damit verbundenen Schwierigkeiten und Herausforderungen vorbereiten soll. Dabei wurde angefangen beim Selbstverständis eines MAPs über die Bewältigung des Kulturschocks bis administrativen Problemen im Umgang mit Dienstpersonal (ja, eine Teilnehmerin des Kurses hat 6 Hausangestellte, andere weniger) ein sehr breites Themenspektrum abgedeckt (dazu vielleicht an anderer Stelle noch mehr).
Besonders interessant fand ich eine Diskussion am Rande rund um ein Thema, über das ich mich jetzt noch ein bisschen belesen habe: die Reaktion des Umfeldes auf die Ankündigung ins Ausland zu gehen. Viele im Kurs haben nach der Entscheidung für den Auslandseinsatz (vor allem natürlich beim ersten Einsatz) ganz ähnliche Erfahrungen gemacht: die Reaktionen des Umfeldes waren ganz unterschiedlich und fielen nicht immer erwartungsgemäß aus. Dabei lassen sich Verwandte, Freunde und Kollegen unterscheiden. Unsere Freunde reagierten eigentlich durchweg positiv. Das mag dem Fakt geschuldet sein, dass wir einerseits beide mit “International Development” und “International Management” in vielerlei Hinsicht international orientierten Studiengängen “entstammen”, und zweitens zu einer Generation gehören, welche im Alter 25+ wesentlich weniger sesshaft bzw. deutlich mobiler und flexibler ist als vorherige. Jedenfalls unterschieden sich die Reaktionen aus dem Kollegen- aber vor allem aus dem Verwandtenkreis deutlich davon und deckten dabei die komplette Bandbreite ab – zwischen (oft stillem) Unverständnis und begeisterter Neugier, die mit den ersten Besuchsplanungen einher geht. Interessanterweise erleben ältere ausreisende Paare diese Situation etwas anders. Dort sind es vor allem die Freunde die mit sehr differenzierten Reaktionen aufwarten und oft schockieren. Interessant daran ist dabei natürlich dass die Freundesgeneration dieser Gruppe und die Kollegen- und Verwandtenkreise unsererseits alterstechnisch recht nahe beieinander liegen. Konsequenterweise lassen sich hier sehr ähnliche Gründe für Ablehnung und Skepsis identifizieren.
Generell lässt sich festhalten, dass man sich die negativen Reaktionen nicht allzusehr zu Herzen nehmen sollte. Abgesehen von (sehr seltenen) konkreten Arbeits- und Lebenserfahrungen im Zielland ist eine solche Reaktion kaum stichhaltig und für den Entscheidungsprozess relevant. Besonders in der Altersgruppe 35+ lässt sich feststellen, dass eigene Lebensstrategien abenteuerliche Gedanken oft nicht mehr zulassen. Diese Tendenz besteht besonders, wenn es an eigenen Erfahrungen mangelt was das Leben (und nicht das Urlaub machen
) im Ausland angeht. Ein weiterer Faktor ist oft ganz einfach Neid. Der Anteil derer, die gern aus ihrem (Arbeits-)Alltag ausbrechen würden ist extrem hoch (90%!). Mangelnde Chancen aber auch mangelnder Mut zu einem solchen Schritt münden oft in einer negativen Einstellung gegenüber solchen Vorhaben im Bekannten- oder Verwandtenkreis. Ablehnung resultiert aber oft auch einfach aus der Angst verlassen zu werden – ein Punkt dem mit gegenseitigen Besuchsplänen (wir haben übrigens eine Gästecouch…) und transparenten Kommunikationswegen begegnet werden kann (optimal ist da natürlich ein Blog…).
Wirklich spannend fand ich die von vielen geteilte Erkenntnis, dass sich die Enttäuschung über die Reaktion so mancher geschätzten Person oder Gruppe mit der Erkenntnis paart, dass viele vielleicht vorher weniger beachtete Personen oder Gruppen sich nach der Ankündigung wesentlich stärker für einen interessierten, einem Mut zusprechen und Anerkennung äußern.

