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Da uns die positive Nachricht von der Ankunft unseres Gerassels am Flughafen durch einen Anruf vom Zoll erreichte (und wir das sehr gewöhnungsbedürftige Geschirr unserer Vermieter so langsam leid waren), machten wir uns am letzten Wochenende auf den Weg, um uns Ein Geschirrservice zuzulegen. In den Läden Bischkeks, ja selbst im ZUM waren wir nicht fündig geworden. Hier scheint Geschirr aus Glas der letzte Schrei zu sein, und selbiges gibt es in den verschiedensten Formen und Farben.
Allerdings hatte uns jemand geraten, es doch auf dem Dordoi-Basar zu versuchen. Dort gäbe es wirklich alles zu kaufen – sicherlich auch Geschirr nach unserem Geschmack. Da wir diesen größten Basar von Bischkek noch nicht kannten und neugierrig waren, machten wir uns mit einem der vielen Sammeltaxis (Marschrutka) für 15 Som Kopfpauschale (25 Cent) auf den Weg nach Norden.
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Der Dordoi-Basar ist eigentlich nur eine Ansammlung von Baucontainern – tausenden Baucontainern um genau zu sein. Fein säuberlich sind diese jeweils zu zwei Stück aufeineinandergestapelt oder sogar -geschweißt und in einem feinmaschigen Wegenetz aneinenandergereiht. Die unglaubliche Größe wird vielleicht aus Luftperspektive mit der Karte oben am deutlichsten. Es ist eine kleine Containerstadt, die da am Stadtrand entstanden ist. Die Marktplätze scheinen recht teuer (wir haben Schilder gesehen, die Container zum Kauf für 10,000$ feil boten). Zudem ist die Containerstadt tehamtisch gegliedert. Es gibt mehrere “Straßen” Haushaltstechnik, Unterhaltungselektronik, Klamotten, etc. Marias Russischlehrerin hatte uns schon vorab bezüglich der Lage der “Geschirr-Straße” gebrieft und wir fanden diese auch recht schnell:
Auch diese Straße bestand aus einer langen Reihe doppelstöckiger Container, die durch ein aufgeschweißtes Dachkonstrukt gegen Regen und Schnee geschützt war (wie man sieht aber dadurch recht dunkel war). In dieser Straße gab es also rund um den Küchenhaushalt alles mögliche an Zubehör – von Töpfen und Pfannen, über Besteck, Nudelhölzer etc alles was das Herz begehrt… und eben auch Geschirr. Allerdings mussten wir eine ganze Weile suchen, ehe wir etwas passable fanden, denn die Straße wurde von weißem Einheitsgeschirr (wahlweise rund oder eckig) dominiert. Wir hatten schon beinahe aufgegeben, als wir plötzlich einen Container entdeckten, in dem versteckt hinten an der Wand eine Reihe von Schautellern ausgestellt war. Wir fragten, ob es zu diesen Tellern auch ganze Sets gebe und für diese Frage wurden wir belohnt.
Uns gefiel ein 24teiliges Set für 4 Personen sehr gut, welches sich mit modernem Streifenmuster deutlich von den vorherrschenden Blumenmotiven mit Goldrand absetzte. Wir zweifelten noch kurz ob es denn davon nun auch zwei Sets geben würde, doch die Dame verschwand 5 Minuten über eine kleine Leiter im darüber liegenden Container (das ist nämlich jeweils der Lagerraum für den darunter liegenden Containerladen) und kam schließlich mit zwei Sets dieses Geschirrs wieder herunter. Mit insgesamt 2400 Som (35€) war das Ganze auch noch erschwinglich und ermöglichte der Verkäuferin aber vermutlich ein komfortables Wochenende.
Wir nahmen das Geschirr und schlenderten noch eine Runde über den Markt (dabei kauften wir an einem Weihnachtscontainer noch einen Karton roter Weihnachtsbaumkugeln und -sterne), ehe wir uns wieder mit einer Marschrutka auf den Heimweg machten.
Nachdem wir am Montag die Wohnungsschlüssel in Empfang genommen und noch im Laufe des Tages unsere noch sehr wenigen Habseligkeiten aus Marias Wohnung umgezogen hatten, stand natürlich eine ganze Reihe von Besorgungen an.
Von ihrer Kollegin hatte Maria den Tipp für einen Baumarkt gleich hier um die Ecke bekommen. Baumärkte sehen hier allerdings etwas anderes aus als daheim. Es handelt sich wirklich um Märkte im wahrsten Sinne des Wortes. Das Мегакомфорт (МегаСтрой) ist ein großes dreistöckiges Gebäude in dem sich eine endlose Zahl kleiner Lädchen mehr oder weniger labyrinth-artig angeordnet befindet. Jedes der kleinen 5-10m²-Lädchen ist auf eine Handvoll Dinge spezialisiert. Es gibt also kleine Schrauben- und Nägelläden, Läden für Zierleisten, Tapetenläden, Steckdosenläden etc. Dabei gibt es alles was es bei uns im Hornbach auch gäbe – man muss nur das richtige Kabuff finden J Und wie es sich für einen Markt gehört gibt es die meisten Lädchen sogar mehrfach…
Auf meiner Liste standen unter anderem Bauschaum (gelernt: Монтажная пена), Unterlegscheiben (gelernt: шайбы) und ein Schrubber. Hier vor Ort gewöhnt man sich relativ schnell an die gängigen Faustregeln für Qualitätsunterschiede. Über die Faustregeln für Qualitätsunterschiede habe ich ja neulich schon geschrieben. Umso überraschter war ich als ich in einem kleinen Seitengang des Baumstofflabyrinths auf noch viel kleinere Stände stieß die aus Platzmangel (jeder bestand nur aus einer überladenen kleinen Theke mit Regal) die Wände mit Schrubbern, Eimern und diversen anderen Putzgerätschaften gepflastert hatten. Dort fiel mir gleich ein farbenfroher Schrubber auf, der mich letztendlich so begeisterte dass ich ihm die erste Einkaufs-Kolumne widmen möchte.
Für ein Produkt aus dem nahen China war der Schrubber hier erstaunlich teuer (400 Som, also 6€) kam aber immerhin mit einem normalen Wischlappen-Aufsatz und einem Poliertuch, die entsprechend in den Schrubber gespannt werden können. Zugegeben – soweit ist das jetzt nicht besonders aufregend. Ich selbst merkte aber ja auch erst, welch technische Meisterleistung ich da in die Hände bekommen hatte, als ich die Beschreibung des „Cleaning Pro“ auf der Verpackung las . Dort stand (in englischer Sprache!) die wohl schönste Beschreibung für einen Schrubber, die man sich ausdenken kann (die mich im Stil – zumindest in Teilen – an manche Euphemismen unserer Daimler-Kommunikation erinnern
):
Cleaning Pro – being your assistant every day
- This latest practical product is the result of all our people’s efforts and the fruit of scientific innovation and intelligent development. It’s made of imported engineering plastic.
- Easily and extensively used: The stainless steel retractile rod and automatic maneuvering mechanism allows very convenient cleaning. Absorption cloth and polish cloth are supplied with the Cleaning Pro.
- Durable: The semi-automatic engineering plastic clamp, which is durable and nondeformable, allows easy and fast changing of cloth.
- Made of fine spinning all-cotton braided thread, the cotton head is free of mold and very durable to use.
Festzuhalten bleibt die der bedeutende Beitrag des gesamten chinesischen Volkes zur Entwicklung des Schrubbers. Da möchte man ja nicht wissen, woran sie inzwischen werkeln, da der Schrubber ausgereift scheint
Unter Umständen könnte man sich ja noch einmal die Automatik vornehmen – was hier als „automatic maneuvering mechanism“ beschrieben wird ist lediglich ein Gelenk, durch welches der Schrubberkopf am Stiel beweglich ist.
Schon mehrfach haben wir gemeinsam festgestellt, dass der Begriff „deutsche Wertarbeit“ erst nach längerem Aufenthalt in einem Land wie Kirgisistan richtig eingeschätzt werden kann. Mag „Made in Germany“ in Europa als Qualitätsanzeichen auch an Bedeutung verloren haben (selbst im europäischen Russland ist es ja mit vermeintlich deutschen Marken meist nur Statussymbol und Marketinggesülze), so hilfreich ist es in einem Land in dem die chinesische Grenze nur einige Autostunden durch das Gebirge entfernt liegt. Entsprechend lassen sich hier auch aus dem Verhalten der Einheimischen klare Qualitätsabstufungen ablesen. Verlässlich sind natürlich was Autos und Haushaltstechnik angeht deutsche und bei Unterhaltungstechnik japanische Produkte. So sieht man hier mehr Mercedes auf den Straßen als in Stuttgart-Untertürkheim (aber natürlich im Schnitt zwanzig Jahre älter). Das Nahverkehrssystem würde ohne die Flotte von tausenden jahrzehntealten Mercedes-Sprintern zusammenbrechen. Deutsche Waren sind aber natürlich für die Einheimischen quasi unbezahlbar und höchstens in einigen teuren Spezialgeschäften zu finden. Die zweite Garde auf den Märkten bilden russische, türkische und koreanische Produkte. Russische und türkische Waren trifft man vor allem auf der Suche nach Baustoffen – vom Bauschaum bis zum Maßband – und Alltagsgegenständen – vom Messerset bis zum Mülleimer – an, während koreanische Produkte den Großteil der mittelklassigen Computertechnik ausmachen. Als dritte Stufe gibt es dann die chinesischen Produkte, die aber die Märkte hier bei Weitem bestimmen. Diese Produkte sind in der Regel zu einem Bruchteil dessen zu haben, was vergleichbare Produkte aus Russland und der Türkei kosten – also meist für die Hälfte oder ein Drittel des Preises. Aus chinesischer Produktion gibt es dabei wirklich alles. Bedenkt man das niedrige Preisniveau (wir haben am Mittwoch 1kg Tomaten bzw. Paprika auf dem Markt für 15 Som gekauft, also weniger als 25 Cent), dann sind die chinesischen Importe fast immer die einzige Möglichkeit sich überhaupt mit solchen Produkten zu versorgen – unabhängig von Ökosiegeln, Sicherheitsaspekten oder Haltbarkeitsabwägungen. Kirgisistan selbst produziert übrigens kaum Haushaltsprodukte. Die wenigen Technik-Fabriken wurden nach der Unabhängigkeit geschlossen und selbst einfache Dinge wie Bretter oder Ähnliches müssen aufgrund der wenigen Waldfläche importiert werden.




